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Der Körper als Tensegrity-System

Aktualisiert: 6. Feb.


Warum Kraft, Stabilität und Beweglichkeit nicht lokal entstehen

Viele Menschen stellen sich den Körper wie eine Maschine vor.

Ein Muskel zieht, ein Gelenk bewegt sich, ein Knochen trägt Last.

Doch dieses Bild greift zu kurz.


Der menschliche Körper funktioniert nicht über einzelne Teile, sondern über Zusammenhänge. Stabilität entsteht nicht dort, wo sie sichtbar ist – sondern im Zusammenspiel des gesamten Systems.

Ein Konzept, das dies sehr gut beschreibt, nennt sich Tensegrity.

Was Tensegrity bedeutet


Tensegrity steht für tensional integrity – spannungsbasierte Ganzheit.


In einem Tensegrity-System:

  • sorgen Zugkräfte für Verbindung

  • sorgen Druckelemente für Form

  • entsteht Stabilität nicht lokal, sondern durch das Gleichgewicht des Ganzen


Übertragen auf den Körper heißt das:

  • Knochen wirken als Druckelemente

  • Muskeln und Faszien bilden ein durchgehendes Spannungsnetz

  • jede Bewegung beeinflusst das gesamte System


Der Körper hält sich nicht durch starre Fixierung, sondern durch dynamische Spannung.

Der Körper trägt sich selbst – nicht einzelne Muskeln


Im Tensegrity-Verständnis arbeitet kein Muskel isoliert.

Spannung verteilt sich über Faszienketten, Gelenke und tiefe Strukturen.


Das erklärt, warum:

  • Kraft nicht dort entsteht, wo sie sichtbar ist

  • lokale Kräftigung oft nicht zu mehr Stabilität führt

  • zu viel Spannung an einer Stelle das gesamte System beeinträchtigt


Stabilität ist kein Produkt von Härte.

Sie ist das Ergebnis gut verteilter Spannung.

Becken, Hüfte und Psoas im Tensegrity-System


In einem spannungsbasierten Körpermodell nehmen bestimmte Bereiche eine besondere Rolle ein:


  • Das Becken wirkt als zentraler Knotenpunkt

  • Die Hüfte lenkt Kraft und Bewegung

  • Der Psoas verbindet Beine, Becken und Wirbelsäule in der Tiefe


Diese Strukturen arbeiten nicht als einzelne Kraftquellen, sondern als Teil eines Netzwerks.

Ist das Netz ausgewogen, entsteht Leichtigkeit.Ist es gestört, kompensiert der Körper – oft unbemerkt.

Beweglichkeit neu verstanden


Im Tensegrity-System bedeutet Beweglichkeit nicht:


  • mehr Dehnung

  • mehr Bewegungsradius


Sondern:

  • Spannung kann sich neu verteilen

  • Gelenke bekommen Raum

  • Bewegung fließt durch das System


Ein beweglicher Körper ist kein „weicher“ Körper.Er ist anpassungsfähig, ohne seine Form zu verlieren.

Übertraining als Störung der Tensegrity


Wird der Körper dauerhaft einseitig belastet oder lokal überfordert:


  • verdichtet sich Spannung

  • verliert das System seine Elastizität

  • entstehen Schutzmuster statt Kraft


Übertraining schädigt weniger einzelne Muskeln, sondern das Gleichgewicht des Spannungsnetzes.


Der Körper wird dann nicht schwach – sondern unorganisiert.

Kraft im Sinne des Nei Long


Im Nei Long entsteht Kraft nicht durch maximales Anspannen, sondern durch:

  • gute Struktur

  • klare Ausrichtung

  • durchlässige Spannung


Das entspricht exakt dem Tensegrity-Prinzip:

Kraft entsteht aus Ordnung, nicht aus Härte.

Je besser das System zusammenarbeitet, desto weniger Kraft muss eingesetzt werden.

Die Wirbelsäule im Tensegrity-System


Warum Bandscheiben nicht allein tragen

Das Fasziennetzt

Viele Menschen stellen sich die Wirbelsäule wie einen Stapel aus Wirbeln und Bandscheiben vor.

Die Annahme dahinter: Die Bandscheiben fangen den Druck ab, die Wirbel tragen das Gewicht.

Dieses Bild ist jedoch unvollständig.


Die Wirbelsäule ist kein starrer Pfeiler, sondern eine bewegliche Struktur, die in ein weit verzweigtes Netz aus Faszien, Muskeln und Bändern eingebettet ist. Ihre Stabilität entsteht nicht primär durch Druck von oben nach unten, sondern durch Zugspannung im gesamten System.


In diesem Zusammenhang übernehmen die Bandscheiben eine wichtige, aber begrenzte Aufgabe.

Sie dienen als Bewegungs- und Druckverteiler, als zusätzliche Puffer zwischen den Wirbeln. Getragen wird die Wirbelsäule jedoch vor allem durch das spannungsbasierte Netzwerk, das sie umgibt.


Tiefe Muskeln, fasziale Verbindungen und ligamentäre Strukturen halten die Wirbelsäule aufgerichtet, verteilt und entlastet. Ist dieses Netz ausgewogen, wird Druck nicht punktuell, sondern flächig weitergeleitet.


Kommt es zu Störungen im Spannungsnetz – etwa durch chronische Spannung, einseitige Belastung oder mangelnde Durchlässigkeit – steigt der lokale Druck. Die Bandscheiben werden dann stärker belastet, obwohl sie nicht die Ursache des Problems sind, sondern der Ort, an dem es sichtbar wird.


Man kann sich die Wirbelsäule daher weniger wie einen Ziegelstapel vorstellen, sondern eher wie eine aufgehängte Struktur, vergleichbar mit einer Hängematte.Die Stabilität entsteht aus der Qualität der Spannung, nicht aus der Härte der Elemente.

Im Sinne der Tensegrity wird die Wirbelsäule nicht „getragen“, sondern getragen gehalten – durch das Gleichgewicht des gesamten Körpersystems.

Fazit – Stabilität ist eine Systemleistung


Der Körper ist kein Baukasten aus Einzelteilen.

Er ist ein lebendiges Spannungsnetz.

Kraft, Beweglichkeit und Stabilität sind keine getrennten Eigenschaften.Sie sind unterschiedliche Ausdrucksformen desselben Prinzips.


Tensegrity beschreibt nicht nur, wie der Körper gebaut ist –sondern wie er gesund, kraftvoll und beweglich bleibt.

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