Selbstverteidigung ist – purer Stress.
- Shifu Peter

- 20. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Zumindest wird sie oft so trainiert.
Mehr Sparring.
Mehr Druck.
Mehr Trigger.
Die Idee dahinter: Wer sich oft genug Stress aussetzt, lernt damit umzugehen.
Doch genau hier liegt ein Denkfehler, den wir in den chinesischen Kampfkünsten schon sehr früh erkannt haben.
Der innere Weg
Ein dauerhaft überreiztes Nervensystem lernt keine Ruhe.
Es lernt nicht Klarheit.
Es lernt vor allem eines: schneller, reflexhafter und unkontrollierter zu reagieren.
Das kann kurzfristig leistungsfähig wirken – ist aber langfristig instabil.
Denn unter echtem Druck entscheidet nicht Geschwindigkeit,sondern Regulation.
Innere Arbeit bedeutet deshalb nicht, Stress zu vermeiden.
Sie bedeutet, den Körper und den Geist so zu schulen,dass innere Ordnung vor der Reaktion entsteht.
Klarheit entsteht nicht im Moment der Explosion.
Sie entsteht davor.
Die inneren Praktiken
Genau hier setzen Meditation, Atemarbeit und die Heilenden Laute an.
Nicht als Rückzug aus der Realität,sondern als Training für Präsenz unter Belastung.
Die Heilenden Laute verbinden Atem, Klang und Wahrnehmungund wirken direkt auf das Nervensystem.
Sie helfen, Spannung zu regulieren, Emotionen zu klärenund den Körper in einen Zustand zu bringen,in dem Handlung wieder bewusst möglich wird.
Innere Arbeit ist kein Ersatz für Sparring.
Sie ist seine Voraussetzung und bietet die Möglichkeit mit deutlich weniger Sparring auszukommen. Statt dessen wir Selbstverteidigung hier über Distanz-, Timingübungen und das anwenden von Technikprinzipien unter Druck geübt
Ohne Regulation wird Training härter – aber nicht klarer.
Mit Regulation wird Bewegung ruhiger, Entscheidungen präziserund Selbstverteidigung das, was sie sein sollte:
Die Fähigkeit, unter Druck bei sich zu bleiben.
Reaktivität ist nicht gleich Handlungsfähigkeit
Im Kampfsport ist Reaktionsfähigkeit essenziell. Niemand will langsam, zögerlich oder unentschlossen sein. Doch hier liegt eine oft übersehene Stolperfalle:
Ein Nervensystem kann schnell reagieren, ohne klar zu sein.
Dauerhafter Stress trainiert nicht bewusste Reaktionsfähigkeit, sondern automatisierte Alarmreaktionen. Der Körper lernt, schneller aus dem Reflex zu handeln – nicht aus Wahrnehmung. Das Ergebnis ist nicht Präzision, sondern Verkürzung: Tunnelblick, vorschnelle Entscheidungen, unnötige Härte.
Was viele als „Reaktivität“ bezeichnen, ist in Wirklichkeit Übersteuerung. Der Unterschied zeigt sich unter echtem Druck:
Ein reguliertes System reagiert schnell und bewusst.Ein überreiztes System reagiert schnell, aber ungefiltert.
Im ersten Fall bleibt Wahlfreiheit erhalten.
Im zweiten übernimmt das Nervensystem – nicht der Mensch.
Genau hier entsteht die Illusion von Kontrolle: Der Körper funktioniert, die Techniken kommen, die Kraft ist da. Doch innerlich fehlt die Bremse. Ruhe wird nicht mehr erreicht, sondern nur kurz unterbrochen. Dann geht die Notwehr oft zu weit oder man verletzt sich trotz überlegenen Techniken.
Echte Reaktionsfähigkeit entsteht nicht durch mehr Stress, sondern durch die Fähigkeit, Stress zu halten, ohne von ihm übernommen zu werden. Schnelligkeit braucht Regulation – sonst wird sie zum Selbstzweck.
Selbstverteidigung verlangt nicht die schnellste Reaktion, sondern die passende.
Warum manche Selbstverteidigungskonzepte nur Eskalation lehren können
Viele Selbstverteidigungssysteme vermitteln vor allem eine einzige Handlungsanweisung: Wenn du angegriffen wirst, mach den Angreifer weg.
Das ist nicht zwingend Ausdruck von Aggression oder fehlender Ethik, sondern oft die logische Folge des Trainingskonzepts selbst.
Wer über Jahre fast ausschließlich unter hohem Stress, Druck und Eskalation trainiert, formt damit sein Nervensystem. In solchen Zuständen bleibt kaum Raum für Differenzierung, Dosierung oder situative Entscheidung. Das System kennt dann vor allem zwei Optionen: Spannung aufbauen oder Spannung entladen.
Klarheit, Abstufung und bewusste Wahl entstehen so nicht mehr. Nicht, weil sie theoretisch falsch wären, sondern weil das Training sie praktisch nicht zulässt. Das erklärt, warum Deeskalation, Zurücknehmen oder das bewusste Nicht-Handeln in vielen Konzepten kaum eine Rolle spielen können.
Echte Selbstverteidigung braucht jedoch mehr als funktionierende Reflexe. Sie braucht innere Regulation, damit Handlung nicht nur möglich, sondern gewählt werden kann.
Genau hier entscheidet sich, ob Selbstverteidigung eskalierend oder klärend wirkt.

Selbstverteidigung beginnt nicht im Kampf – sondern im Zustand, aus dem du heraus handelst.




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