Klosterweg und Laienweg – zwei Wege, eine Praxis
- Shifu Peter

- 6. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

In Kampfkunst wie im Buddhismus begegnet mir immer wieder dieselbe Annahme:
Der Klosterweg sei der tiefere, schnellere oder „bessere“ Weg.
Diese Vorstellung ist weit verbreitet – aber sie greift zu kurz.
Sowohl in der traditionellen chinesischen Kampfkunst als auch im Buddhismus gibt es seit jeher zwei unterschiedliche, gleichwertige Wege:
den Klosterweg und den Laienweg.
Beide haben ihre eigene Tiefe.
Beide erfüllen unterschiedliche Aufgaben.Und beide folgen völlig unterschiedlichen Bedingungen.
Das Kloster
Der Klosterweg ist ein geschützter Weg.
Klare Regeln, feste Strukturen, ein geregelter Tagesablauf und der bewusste Rückzug vom Alltag schaffen Bedingungen, unter denen Praxis leichter und fokussierter möglich ist. Das ist kein Vorteil im moralischen Sinne – es ist die Funktion eines Klosters.
Der Laienweg hingegen findet mitten im Leben statt.
Beruf, Familie, Verantwortung, Zeitdruck, emotionale Belastungen und Unsicherheiten gehören untrennbar dazu. Praxis entsteht hier nicht im Rückzug, sondern unter realen Bedingungen.
Im Buddhismus – unter anderem auch in der Karma-Kagyü-Tradition – wird deshalb immer wieder betont:
Der Klosterweg ist nicht der höhere Weg.
Er ist der geschütztere.
Der Laienweg ist nicht der leichtere Weg.
Er ist der anspruchsvollere, wenn es um Integration geht.
Störgefühle als Treibstoff des Laienwegs
Ein zentraler Unterschied zwischen diesen beiden Wegen liegt im Umgang mit sogenannten Störgefühlen.
Im Alltag tauchen sie unweigerlich auf:
Ärger, Angst, Frustration, Zweifel, Ungeduld, Überforderung. Zustände, die Praxis scheinbar stören – und im Laienweg genau deshalb von zentraler Bedeutung sind.
Der Laienweg nutzt diese Störgefühle nicht trotz, sondern durch den Alltag.
Sie werden zum Prüfstein, an dem sich zeigt, ob eine Praxis trägt.
Im Kloster werden viele dieser Störfaktoren bewusst reduziert oder ausgeschaltet.
Nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil der Klosterweg einen anderen Fokus hat: Sammlung, Vertiefung, Disziplin unter stabilen Bedingungen.
Der Laienweg funktioniert anders.
Hier liegt die Möglichkeit, Störgefühle direkt in die Praxis zu integrieren –und genau darin liegt auch seine Gefahr.
Denn Störgefühle wirken nur dann entwicklungsfördernd, wenn sie genutzt werden.Wer sie verdrängt, unreflektiert auslebt oder ihnen ausgeliefert bleibt, verliert diese Chance.
Der Laienweg ist deshalb kein automatischer Entwicklungsbeschleuniger.
Er verlangt Bewusstsein, Struktur und Methoden, die Regulation ermöglichen – mitten im Geschehen.
Was das mit Kung Fu zu tun hat
Auch die Kampfkunst kennt diese zwei Wege.
Es gibt Kung Fu im klösterlichen Kontext – eingebettet in ein religiöses, kulturelles und spirituelles System. Dieser Weg hat seine eigene Tiefe und seine eigene Aufgabe. Er ist nicht vergleichbar mit Kampfkunst im Alltag.
Und es gibt Kung Fu für Menschen, die im Leben stehen.
Meine Kampfkunst basiert auf den Traditionen der chinesischen Kampfkunst mit Bezug zu Shaolin.Nicht als Klosterweg, sondern als Laienweg.
Der Bezug zu Shaolin liegt für mich in den Prinzipien:
Struktur, Mitte, Ganzkörperkraft, Disziplin, Geist-Körper-Einheit.
Nicht im Klosterleben.
Kung Fu ist historisch nicht im Kloster entstanden, sondern im Leben.Von Menschen, die arbeiten mussten, Verantwortung trugen und sich schützen mussten. Genau dort wurde es erprobt – unter Druck, Unsicherheit und realen Konsequenzen.
Kung Fu für den Alltag bedeutet deshalb nicht Training unter idealen Bedingungen,sondern die Fähigkeit, auch bei inneren und äußeren Störungen handlungsfähig zu bleiben.
Druck, emotionale Reaktionen und Unsicherheit sind kein Fehler im System.
Sie sind der Ort, an dem sich zeigt, ob eine Praxis wirklich trägt.
Klare Wege, klare Verantwortung
Klosterpraxis und Laienpraxis sind keine Konkurrenz.
Sie erfüllen unterschiedliche Aufgaben und sollten klar voneinander unterschieden werden.
Wer den Klosterweg gehen will, sollte bereit sein, das Klosterleben zu führen.
Wer im Alltag steht, braucht eine Praxis, die im Alltag funktioniert.
Meine Arbeit richtet sich an Menschen, die mitten im Leben stehen.
An Menschen, die Stabilität, Klarheit und Handlungskraft unter realen Bedingungen entwickeln wollen.
Nicht weniger tief. Aber anders geprüft.




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